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Reden mit Humor (Teil 3)

Die fünf goldenen Regeln zum Gebrauch von Humor in Reden

Wem es gelingt, seine Rede mit der richtigen Prise Witz und Humor zu würzen, dem werden die Herzen der Zuhörer zufliegen. Doch wer am Humor des Publikums vorbei witzelt, muss sich auf harsche Reaktionen gefasst machen.

Ein kleiner unpassender Gag wird schnell zur großen Peinlichkeit. Schlimmstenfalls kann ein Redner mit dem falschen Witz einen Skandal auslösen. Dabei geht es überhaupt nicht darum, ob der Witz gut war. Es geht nur darum, ob er dem Anlass angemessen war.

(Wollen Sie lernen, wie man eine lustige Rede schreibt?)

Dabei ist Humor in Reden und bei anderen öffentlichen Anlässen kein unkalkulierbares Risiko. Wer die Gesetzmäßigkeiten des Humors kennt und die wichtigsten Regeln beachtet, ist vor Skandalen sicher. Die folgenden fünf goldenen Regeln fassen zusammen, was es beim Gebrauch von Humor in Reden und bei anderen öffentlichen Auftritten zu beachten gibt.

1. Fettnäpfchen um jeden Preis meiden

In jeder Ansprache muss der Redner auf Stolpersteine achten. Das gilt in besonderem Maße für lustige Reden. Das liegt daran, dass unterschiedliche Menschen Gags und Scherze sehr unterschiedlich aufnehmen. Was der eine brüllend komisch findet, erlebt ein anderer als Beleidigung.

Eines muss sich jeder Redner, der eine komische Rede halten will, klarmachen: Anders als beim Auftritt eines Komikers geht es bei einer lustigen Rede nicht in erster Linie darum, komisch zu sein.

Unterhaltung ist in aller Regel nicht das vorrangige Ziel. Der Humor dient lediglich dazu, die Botschaft des Redners zu transportieren. Das bedeutet auch, dass ein Witz, und wenn er noch so gut ist, aus dem Redemanuskript gestrichen werden muss, wenn er mit der Botschaft des Redners nicht im Einklang steht. Auch muss jede noch so donnernde Pointe raus, die Potenzial hat, Menschen im Publikum zu verletzen oder zu beleidigen.

Kaum etwas schadet dem Redner und seinem Anliegen mehr, als wenn seine Zuhörer nach der Rede nicht über seine Botschaft diskutieren, sondern darüber, ob ein bestimmter Witz möglicherweise unpassend gewesen sein könnte.

Wie ein Gag vom Publikum aufgenommen wird, lässt sich nur durch einen Test herausfinden. Kein Gag sollte öffentlich erzählt werden, ohne dass er zuvor mindestens drei Testpersonen vorgetragen wurde. Diese Testpersonen sollten zu derselben Personengruppe gehören, der auch das Publikum angehört.

2. Nicht übertreiben

Weniger ist mehr, jedenfalls wenn es darum geht, Gags in eine Rede einzubauen. Wenn ein professioneller Komiker auf der Bühne steht, dient sein Vortrag nur einem Ziel: Er will sein Publikum unterhalten. Der Witz ist ein Selbstzweck. Wenn das Publikum lacht, ist der Zweck des Komikers erreicht.

Dem Redner geht es um seine Botschaft. Zu viele Gags können von dieser Botschaft ablenken. Hat der Redner zu einem Punkt in seiner Rede mehrere gute Gags parat, sollte er sich für einen entscheiden und die anderen streichen.

Zu viele Witze über ein Thema langweilen die Zuhörer. Schlimmer noch: Sie lenken ab von dem, was der Redner eigentlich sagen will. Ein Redner, der verhindern will, dass er sein Publikum mit seinen Witzen nervt, sollte diese in seiner Rede mit größter Vorsicht platzieren.

3. Die eigenen Erwartungen dämpfen

Viele Redner müssen sich von dem Gedanken verabschieden, sie könnten oder müssten so witzig sein wie die Leute im Fernsehen. Das ist schlicht eine überzogene Erwartung. Wenn Harald Schmidt zu Beginn seiner Show fünf Minuten lang Witze vorträgt, haben 30 professionelle Comedy-Autoren daran gearbeitet.

Teilweise kann seine Redaktion aus über 500 Witzen die besten aussuchen, von denen der Entertainer nur die allerbesten vorträgt. Zudem macht der Vortragsstil noch einmal gut 50 Prozent des Lacherfolges bei einem Witz aus.

Schmidt und andere Komiker im Fernsehen sind die besten Witzeerzähler, die es in Deutschland gibt. Sie haben mitunter Jahrzehnte dafür geübt. Für denjenigen Redner, der mit der Erwartung an seinen Vortrag herangeht, er müsse ähnlich gut sein wie die Profis, ist die Enttäuschung vorprogrammiert.

Auch beim Schreiben komischer Reden sollten die Erwartungen nicht zu hoch angesetzt werden. Beim Schreiben ist Erfolgsdruck sogar hinderlich. Denn Druck führt zu Anspannung. Im Sport und bei vielen anderen Aufgaben mag Druck leistungssteigernd wirken. Doch beim Schreiben von Gags führt Druck zu Lähmung und Blockaden.

Um lustige Ideen produzieren zu können, muss der Geist frei assoziieren können. Das bedeutet nicht, dass das Schreiben komischer Texte keine Disziplin erfordert. Im Gegenteil. Doch hier gilt die Regel: Masse statt Klasse.

Dem Redenschreiber hilft es, zunächst so viele Gags wie möglich zu produzieren. Anschließend werden die besten ausgewählt.

Der Redner und Redenschreiber sollten sich nicht mit Entertainern oder professionellen Comedy-Autoren vergleichen. Es ist deren Beruf, andere Menschen zum Lachen zu bringen. Aufgabe von Redner und Redenschreiber ist es hingegen, dem Publikum eine bestimmte Botschaft näher zu bringen. 

Anstatt sich allzu großen Druck und Erwartungen auszusetzen, sollte die Rede lieber einem Testpublikum vorgetragen werden. Dabei wird man feststellen, dass es gar nicht so schwierig ist, den Zuhörern ein Lachen oder sogar einen Schenkelklopfer zu entlocken.

4. Der Humor muss zum Publikum passen

Oft fällt es dem Redner oder seinem Redenschreiber gar nicht schwer, sich ein paar lustige Sprüche für die Rede auszudenken. Problematisch wird es aber bei der Frage, ob das Publikum diese Witze genauso komisch finden wird wie der Urheber.

Jugendliche haben einen anderen Humor als Senioren. Ein Witz, der beim Ärztetag super ankommt, kann unter Krankenhauspatienten Buh-Rufe auslösen. Darum ist es bei der humorvollen Rede noch wichtiger als bei jeder anderen Ansprache, dass der Redner sich die Frage stellt, wer im Publikum sitzen wird und welche Erwartungen diese Menschen mit der Rede verbinden.

Dabei lässt sich bei jedem Witz relativ leicht ermitteln, ob das ihn Publikum mögen und verstehen wird. Nach der Humorformel besteht ein guter Gag aus Schmerz und Logik. Menschen lachen vorzugsweise darüber, dass einem anderen etwas Schlimmes passiert. Doch sie lachen nur, wenn sie zu dem schrecklichen Ereignis einen gewissen Abstand haben.

Ein Beispiel: Liegt ein Patient im Krankenhaus. Der Mann im Nebenbett stöhnt und stöhnt. Da fragt der Patient die Schwester: Können Sie den denn nicht ins Sterbezimmer legen?“ Da sagt die Schwester: Was meinen Sie denn, wo Sie hier liegen?“

Diesen Witz werden die meisten Menschen spätestens dann nicht mehr komisch finden, wenn sie selbst im Krankenhaus liegen. Dann fehlt ihnen die nötige Distanz.

Witze werden außerdem dadurch lustig, dass zu dem schrecklichen Ereignis eine neue, logische und überraschende Betrachtungsweise vorgetragen wird. Im Beispiel oben ist es für den Zuhörer überraschend zu erfahren, dass der Patient, der sich am Stöhnen des Zimmergenossen stört, selbst im Sterbezimmer liegt und wohl selbst bald das Zeitliche segnen wird.

Um diesen Witz zu verstehen, muss der Zuhörer aber selbst einmal in einem Krankenhaus mit Mehrbettzimmern gewesen sein. Ein Kind, das noch nie in einem Krankenhaus war, wird die Logik des Witzes nicht verstehen.

Wer komische Reden schreiben will, die beim Publikum ankommen, muss sich darum immer fragen, ob die Zuhörer zu den schmerzhaften Aspekten des Witzes genügend Distanz haben und ob sie die im Witz enthaltene Logik nachvollziehen können.

5. Der Humor muss zum Redner passen

Hier geht es weniger um die Persönlichkeit des Redners als um seine Stellung. Wenn der Präsident der USA selbstironisch wird, um die Distanz zwischen sich und dem Publikum zu verkleinern, macht ihn das sympathisch. Wenn ein politischer Neuling bei seiner ersten Rede selbstironisch wird, um seine Nervosität zu überspielen, dann wirkt das eher peinlich.

Ronald Reagan wählte für eine Rede vor über 100 Lehrern im Garten des Weißen Hauses folgenden Einstieg: „Ich bin schon seit langer Zeit aus der Schule heraus, aber in der Gegenwart von so vielen Lehrern fühle ich mich immer noch sehr unsicher.“

Der mächtigste Mann der Welt wird unsicher, wenn er vor einer Gruppe von Lehrern spricht. Bodenständiger geht’s kaum. (Lesen Sie auch: Teil 5: Lustige Reden in der Politik). Wenn ein junger Lokalpolitiker diesen Satz bei einer Rede zum Sommerfest der örtlichen Schule sagt, wirkt er wie ein Schleimer.

An welchen fünf Stellen in der Rede Humor besonders effektiv eingesetzt werden kann, erfahren Sie im vierten Teil der Artikelserie „Reden mit Humor“.

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