Die ideale Rede zum politischen Aschermittwoch ist zugleich deftig und witzig. Auf die richtige Mischung kommt es an. Doch der Balanceakt zwischen kernig und komisch gelingt nur selten. Die meisten Redner versuchen, einen Mangel an Komik durch ein Überangebot an Derbheit auszugleichen.
Obwohl viele der Reden brachial und wenig originell sind, erfreut sich der politische Aschermittwoch in Deutschland und vor allem in Bayern großer Beliebtheit. Die Wurzeln dieser ungewöhnlichen Politikveranstaltung liegen im 16. Jahrhundert. Damals trafen sich bayerische Bauern am Aschermittwoch in Vilshofen an der Donau zu einem Viehmarkt. Dort feilschten sie nicht nur über die Preise für Kühe und Schweine, sondern diskutierten auch lautstark über Themen des Alltags und der Politik.
Auf der Grundlage dieser Tradition veranstaltete der Bayerische Bauernbund am Aschermittwoch des Jahres 1919 erstmals eine politische Kundgebung in Vilshofen. Dieses Ereignis gilt als Geburtsstunde des politischen Aschermittwochs. 1953 hielt die CSU zum ersten Mal in Vilshofen in der Gaststätte „Wolferstetter Keller“ eine Aschermittwochsveranstaltung ab. Danach wurde der politische Aschermittwoch immer beliebter, zuerst nur bei der CSU in Bayern, später auch bei anderen Parteien und in anderen Bundesländern.
Unter den Rednern des ersten politischen Aschermittwochs der CSU in Vilshofen war der damalige Generalsekretär der Partei, Franz Josef Strauß. Es ist vermutlich seinem rhetorischen Talent zu verdanken, dass der politische Aschermittwoch eine so große Popularität erlangt hat.
Ob Söder für die CSU spricht, Scholz für die SPD, Lindner für die FDP oder Habeck für Bündnis 90/die Grünen: Letztlich imitieren sie am politischen Aschermittwoch vor allem ihn: Strauß.
Und genau hier liegt das Problem, mit dem viele politische Aschermittwochsredner zu kämpfen haben. Rhetorisch spielen die meisten mindestens eine Liga unter Franz Josef Strauß. Das macht den politischen Aschermittwoch heute oftmals weniger zu einer unterhaltsamen als zu einer bedrückenden Veranstaltung. Am Rednerpult stehen überwiegend Menschen, die ihrer rednerischen Aufgabe nicht gewachsen sind.
Um dabei nicht allzu negativ aufzufallen, poltert und beleidigt jeder, so gut er kann. Darüber hinaus bleibt den Rednern nur die Hoffnung, dass ausgiebiger Biergenuss die Zuhörer rechtzeitig auf ein geistiges Niveau bringt, von dem aus die Rede halbwegs unterhaltsam erscheint.
Wer eine Aschermittwochsrede nüchtern am Fernseher verfolgt, kann dagegen nur staunen, was für Sätze die Zuhörer im Saal mit lautem Johlen und donnerndem Applaus belohnen. Einige Beispiele die etwas weiter zurückliegen:
„Die CSU hätte Monika Hohlmeier ins Dschungelcamp schicken sollen und nicht ins Europaparlament.“ Florian Pronold, SPD
„Horst Seehofers Politikstil ist ein Konjunkturprogramm für Beichtväter.“ Margarete Bause, Bündnis 90/Die Grünen
„Nur weil die Union nach links geht, nur weil die Union hässlicher wird, werden SPD und Grüne nicht schöner.“ Guido Westerwelle, FDP
„Stoiber, Beckstein, Huber, Glos – bei der CSU hat man heute das Gefühl, da gibt es eine Abwrackprämie für Führungskräfte – sogar ohne Verwertungsnachweis.“ Jürgen Trittin, Bündnis 90/Die Grünen
Gute Gags sind beim politischen Aschermittwoch eine Ausnahme. Tatsächlich sind die Sprüche, mit denen Politiker am Aschermittwoch ihre Redezeit überbrücken, in ihrer Mehrzahl platt und nicht selten peinlich.
FDP-Spitzenkandidat Rainer Brüderle bezeichnete den damaligen Spitzenkandidaten der Grünen, Jürgen Trittin, in Anspielung auf das von ihm eingeführte Dosenpfand als „Don Blech der deutschen Politik“.
Der Angegriffene selbst sollte sich darüber allerdings nicht beschweren. Trittin sagte im gleichen Jahr über Brüderle: „Wir versuchen alle, nach dem Aschermittwoch unseren inneren Schweinehund zu überwinden. Die FDP macht ihn zum Spitzenkandidaten.“
Obwohl die wenigsten Redner am politischen Aschermittwoch ihrem Publikum inhaltlich etwas Wichtiges zu sagen haben, leiden sie dennoch an einem erschreckenden Mangel an Lockerheit und Leichtigkeit. Der verbissene Drang, kernig und derb rüberzukommen, verleiht vielen Reden eine Starrheit, die nur schwer auszuhalten ist.
Zwei Dinge könnten den Reden beim politischen Aschermittwoch auf die Sprünge helfen: mehr Selbstironie der Redner und eine stärkere Professionalisierung beim Schreiben der Reden. Wer sich einmal eine Rede eines US-Präsidenten beim Abendessen der Korrespondenten des Weißen Hauses ansieht, kann erahnen, wie das aussehen könnte.
Der US-Präsident bekommt hier die Freiheit, sich selbst einmal nicht 100-prozentig ernst nehmen zu müssen. Das lässt ihn nicht unseriös erscheinen. Seine Witze machen den US-Präsidenten nicht lächerlich. Sie machen ihn sympathisch und lassen ihn bodenständig erscheinen.
Die Möglichkeit, sich mit einer nicht ganz so ernst gemeinten Rede lächerlich zu machen, ist vermutlich das, wovor sich die Aschermittwochsredner am meisten fürchten. Doch dieses Risiko ließe sich leicht überwinden, wenn die Redner beim Schreiben ihrer Reden mit professionellen Humoristen zusammenarbeiten würden.
Die Rede für das Korrespondentendinner schreiben die Redenschreiber des Präsidenten gemeinsam mit den besten Gag-Schreibern des Landes. Diese Autoren haben jahrelange Erfahrung und können einschätzen, wie Witze wirken.
Natürlich lässt sich das Korrespondentendinner im Weißen Haus nur schwer mit dem politischen Aschermittwoch vergleichen. Gemeinsam ist beiden Veranstaltungen jedoch, dass es Redeanlässe sind, bei denen die rhetorischen Regeln des politischen Alltags ein Stück weit außer Kraft gesetzt sind.
Beide Events bieten eine Abwechslung vom alltäglichen Politikbetrieb. Genau das sehnen sich viele politisch interessierte Fernsehzuschauer herbei. Für Politiker ist der politische Aschermittwoch eine großartige Gelegenheit, ihrem Publikum diese Abwechslung zu bieten. Gebrauch von dieser Chance macht aber leider kaum jemand.
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